Bern in der Kirschblüte

​Mein Nachbar misst Distanzen nicht in Kilometern sondern in Promillen 

Man muss sich das mal vorstellen. Da sitzt du in den Tropen unter einem Balete-Baum, der wahrscheinlich schon Geister beherbergt hat, als dein gesamter Stammbaum noch nicht mal eine Skizze war, und beobachtest das Tagay-Ritual.

Männer in den Philippinen beim Trinken. Das ist jedoch keine gesellige Runde, das ist Hochleistungssport. Eine Flasche, ein einziges Glas, ein Einschenker – der Tanggero. Er ist der Taktgeber des Untergangs. Er füllt das Glas, du exekutierst es, du gibst es zurück. Das Glas wandert im Kreis wie eine schlechte Nachricht, die einfach nicht aufhört. Wer hier nippt, begeht Hochverrat an der Gemeinschaft. Es wird getrunken, bis die Flasche leer ist oder der erste Teilnehmer die Kommunikation mit seiner Grossmotorik einstellt.

​Und dieses System füttert ein Monster. Wir reden hier über einen Markt, der die globale Konkurrenz wie eine Gruppe schüchterner Chorknaben aussehen lässt. Die Ginebra San Miguel verschiebt jährlich 35 Millionen Cases. Um das mal für das Schweizer Gehirn zu übersetzen: Das sind über 310 Millionen Liter. Jedes Jahr. Nur Gin. Das ist so viel Flüssigkeit, dass man damit den gesamten Thunersee um zwei Millimeter anheben könnte – und zwar mit 40-prozentigem Sprit. Tanduay Rum? Über 20 Millionen Cases. Die schlagen Bacardi regelmässig in der Weltrangliste.

​Aber der eigentliche Irrsinn ist: Diese Branchenriesen leben praktisch ausschliesslich vom Heimmarkt. Während Bacardi oder Johnnie Walker die ganze Welt beackern müssen, um auf ihre Zahlen zu kommen, reicht den Filipinos ihre eigene Inselgruppe. Das ist eine derartige Konzentration von Durst, dass es einem den Atem verschlägt. Die Welt da draussen ist für Ginebra nur eine statistische Fussnote. Exporte betragen weniger als 5% des verkauften Volumens. Der wahre Umsatz passiert an den Sari-Sari Stores zwischen Aparri und Jolo.

​Jetzt rechnen wir das mal auf den Zuger Kirsch hoch. Nur so als Gedankenexperiment für den Wahnsinn. Wenn die Filipinos Kirsch trinken würden wie ihre Ginebra, bräuchten wir 46,7 Millionen Kirschbäume. Ich habe das nachgerechnet. Bei einem ordentlichen Hochstamm-Abstand von zehn Metern bräuchten wir dafür eine Fläche von 4’669 Quadratkilometern.

​Um das mal einzuordnen: Das ist fast die Hälfte der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche der Schweiz. Wir müssten den Kanton Zug zwanzigmal nachbauen und lückenlos mit Bäumen bepflanzen. Von der Zürcher Bahnhofstrasse bis zur Berner Kramgasse gäbe es keinen Asphalt mehr, nur noch Wurzeln. Bern in der Kirschblüte, würde Schweiz Tourismus brüllen. Wir wären keine Finanzmacht mehr, wir wären eine Agrar-Diktatur. Die Armee müsste im Juni die „Kirsch-Front“ gegen Stare sichern, und das Land würde drei Wochen lang so penetrant nach vergorener Maische riechen, dass man es auf dem Mars riecht.

​Doch hinter dieser industriellen Gigantomanie, fernab der Milliardenumsätze, existiert eine Welt, die viel weniger nach Fabrik und viel mehr nach Alchemie und Rebellion riecht. Es ist die Welt des Lambanog – dem wahren Absinth der Philippinen. Hier findet sich die gleiche DNA des Widerstands wie im Schweizer Jura. Während die „Grüne Fee“ im Val-de-Travers hundert Jahre lang in geheimen Kellern vor den Berner Kontrolleuren versteckt wurde, wird der Lambanog aus Kokosblütennektar in Hinterhöfen destilliert, die noch nie eine Steuermarke gesehen haben. Es ist die pure Anarchie. Absinth macht dich vielleicht zum Poeten, Lambanog macht dich zum Teil der Erdanziehung. Beides sind Spirituosen der Freiheit, ungebändigt und gefährlich ehrlich.

​Und hier komme ich ins Spiel. Mein persönlicher Beitrag zur Völkerverständigung in Dauin ist der Gintis. Ein mazerierter Gin, den ich aus Rum und Wacholderbeeren gewinne. Ein Bastard aus Berner Sturheit und philippinischer Flora. Ich nehme Wacholder, röste Sternanis in der Pfanne an, bis er glänzt wie ein frisch polierter Sportwagen, und werfe eine ordentliche Ladung Holy Basil (Sangig) dazu.

​Wenn ich dann das Wasser dazugiesse, passiert die Magie: Der Louche-Effekt. Die Flüssigkeit trübt sich ein, wird milchig, opak – wie der Nebel über der Aare an einem Novembermorgen, wenn man nicht sicher ist, ob man noch im Bett liegt oder schon im Fluss steht. Genau wie ein Pastis. Daher Gintis. Mein Gintis ist der diplomatische Vermittler: Er hat die chemische Präzision meiner Herkunft, aber er folgt der rituellen Härte des Tagay.

Auch mein Nachbar ist eher der Praktiker und kein theoretisches Konstrukt. Auch er  ist Teil der Statistik. Das Gesicht der Statistik. Mein Nachbar hier, ein US-Amerikaner, ist so ein wandelndes Volumenmodell. Er vernichtet pro Woche mindestens acht Harassen San Miguel Light. Acht Mal 24 Flaschen à 33 cl. Das sind über 63 Liter Bier pro Woche. Wenn der Mann 8 Kilometer – eine Strecke, auf der ein normaler Mensch kaum die Klimaanlage reguliert –, leert er am Steuer sitzend zwei Flaschen. Das ist kein Trinken mehr, das ist ein kontinuierlicher Flüssigkeitsaustausch mit der Umgebung. Das ist Messen der Strecke in Promille statt in Kilometer. Er ist quasi der private Grossabnehmer, der im Alleingang dafür sorgt, dass die Brauereien in Manila Überstunden schieben müssen. Ein Ein-Mann-Tagay, der die Schwerkraft und die Leberwerte gleichermassen ignoriert. Ein Schluck Heimat, ein Schluck Ferne, und am Ende das leise, metallische Tock des Glases auf dem Tisch.

Wie oft schütteln wir den Kopf über einen Markt – und merken gar nicht, dass wir längst Teil seiner Statistik sind?

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