Der Carabao und die privaten Universitäten

Die “Erfolgsquote” an einer der Universitäten hier für “Pflegefachmenschen” ist 100% (beim Staatsexamen), während diejenige für “Public Accountants” bei etwa 30% liegt. Ich habe mich gefragt, ob die Prüfung für Pflegepersonal so leicht ist oder an was das liegt. Es ist nicht leicht herauszufinden, die Recherche kostete mich einige Zeit. Und daraus wurde ein hässiges Stück Geschreibsel an die Privatisierungsfans in der Schweiz.

Hört mal gut zu, ihr Schweizer Effizienz-Fanatiker, die ihr nachts von der Privatisierung der Hochschulen träumt, weil euch jeder Steuerrappen für die Bildung wie ein persönlicher Diebstahl vorkommt: Ihr schwärmt von Agilität und Arbeitsmarktnähe, als wäre eine Universität ein Start-up für vegane Hundekekse. Schaut euch dieses Modell hier auf den Philippinen an. Es ist euer Paradies. Es ist das Endstadium eurer Träume.

​Stellt euch eine Universität wie die St. Paul’s in Dumaguete vor. Ein Ort, der so tut, als würde er bilden, aber eigentlich nur sortiert. An der einen Tür gehen die Nurses rein – hundert Prozent Erfolgsquote am Staatsexamen. Jedes Mal. Jedes einzelne Jahr. Warum? Weil sie ein Exportprodukt sind. Das ist die Branding-Abteilung der Uni. Da wird investiert und poliert, bis es glänzt, weil die Devisen aus dem Ausland das System schmieren. Denn diese Nurses sind ein wesentlicher Teil der OFW, Oversea Filipino Worker, die je nach Berechnung bis zu sagenhaften 15% des Staatshaushalts in die Philippinen überweisen. Aber diese hundert Prozent Erfolgsquote sind kein Wunder der Pädagogik, sondern das Ergebnis einer gnadenlosen Selektion. Die Uni lässt niemanden zur staatlichen Prüfung zu, der nicht vorher durch interne Tests und Filter geschleift wurde. Wer dort nur ein bisschen wackelt, wird aussortiert, bevor er die Statistik ruinieren kann. Man lässt die Schwächeren gar nicht erst antreten, man schiebt sie einfach in andere Studiengänge ab, nachdem man ihre Gebühren jahrelang kassiert hat. Das ist eure gepriesene Effizienz: Man optimiert nicht den Menschen, man optimiert die Bilanz, indem man das Risiko einfach wegfiltert.

​Direkt daneben, im selben Flur, gehen die Buchhalter rein. Und da knallt die Erfolgsquote auf dreiunddreissig Prozent runter. Zwei Drittel der jungen Menschen werden nach vier Jahren und Unmengen an Geld – Geld, für das ihre Eltern oft das letzte Stück Land verpfändet haben – einfach als akademischer Ausschuss entsorgt. Bei ihnen spart sich die Uni das aufwendige Aussieben im Vorfeld. Warum auch? Hier ist das Durchfallen der Studenten Teil des Geschäftsmodells, solange die Studiengebühren bis zum bitteren Ende fliessen. Ddenn hier werden die Brigaden von Call Center Agenten produziert, ohne die die Wirtschaft kollabieren würde.

​Und jetzt rechnet mal mit, ihr Buchhalter der Nation, die ihr immer von Skin in the Game faselt: Ein Studium an einer Privat-Uni wie der SPUD kostet alles in allem rund vierhunderttausend Pesos. Für eine Durchschnittsfamilie in der Provinz sind das etwa fünf bis sieben komplette Jahresgehälter. Da es kein staatliches Stipendiensystem gibt, wird das Land verpfändet oder man leiht sich Geld bei Kredithaien zu Zinsen, bei denen jeder Schweizer Banker schreiend wegrennen würde. Die Uni hat ihre Millionen längst im Trockenen. Wenn du aber zu den siebenundsechzig Prozent gehörst, die durchfallen, stehst du vor dem Nichts. Du hast ein wertloses Diplom, aber Schulden, die dich und deine Familie für das nächste Jahrzehnt knebeln. Das ist eure Eigenverantwortung: Ein finanzieller Genickschuss für die ganze Sippe, während die Uni-Besitzer keine Verantwortung für das Scheitern ihrer Lehre übernehmen müssen. Dein einziger Ausweg ist ein Job im Callcenter, wo du Zinsen bedienst, während das Land deiner Grosseltern bereits der Bank gehört. Dem freien Markt ist es völlig egal, ob du eine Lizenz hast oder Burger-Gutscheine am Telefon verkaufst. Die Rendite der Uni hat ja schon gestimmt.

​Und jetzt haltet euch fest: Diese Unis laufen unter dem Label Non-Profit. Das bedeutet in diesem System absolute Steuerbefreiung. Keine Einkommensteuer auf Gebühren, keine Grundsteuer auf den Campus. Ein gigantisches Business ohne Abgaben an den Staat. Und wo geht das Geld hin, wenn es kein Profit sein darf? Es verschwindet in astronomischen Gehältern für die Verwaltung oder in Bauaufträgen für die Firmen der eigenen Vettern. Das ist die ultimative Privatisierung: Der Staat verzichtet auf Steuern, zieht sich aus der Verantwortung zurück, und die Uni-Besitzer bauen sich Paläste, während zwei Drittel der Absolventen in der Verschuldungs-Sklaverei verrotten.

​Das ist die Welt, die ihr wollt. Wenn ihr die Schweizer Hochschulen privatisiert, dann bekommt ihr genau das. Wir haben dann keine Top-300-Universitäten mehr. Es gibt auf den Philippinen über zweitausend dieser „Universitäten“ – eine Inflation des akademischen Grades, die jede Qualität entwertet. Keine erscheint in den Top 300.   In der Schweiz leisten wir uns gerade mal zwölf öffentliche Universitäten und die ETHs, die weltweit zur Elite gehören. Aber die Privatisierer wollen lieber zweitausend Diplom-Kioske als zwölf Leuchttürme. Keine einzige dieser philippinischen Buden spielt in der globalen Oberliga mit. Warum? Weil man Qualität nicht durch bunte Broschüren ersetzt. 

Und kommt mir jetzt nicht mit Harvard. Harvard ist eine private Stiftung, die Milliarden in die Forschung steckt, weil Wissen dort die Währung ist. In den Philippinen – und in eurem Privatisierungswahn – ist Forschung nur ein lästiger Kostenblock, der den Cashflow stört. Ihr nennt es Wettbewerb, aber in Wahrheit ist es ein Unterbietungswettlauf bei der Qualität. Hier wird nicht geforscht, hier wird am Fliessband abgefertigt. Die Dozenten sind so mit Pflichtstunden vollgeknallt, dass für echte Wissenschaft kein Platz mehr bleibt. Wenn die Gewinnmarge zählt, stirbt die Qualität zuerst.

​Wir haben dann eine Waste-Produktion, bei der es lukrativer ist, Studenten durchfallen zu lassen, damit sie teure Wiederholungskurse buchen müssen. Ihr sagt, der Markt regele alles? Stimmt. Der Markt regelt hier, dass Versagen profitabler ist als Erfolg. Wir würden ein System schaffen, in dem der Studienerfolg zur Lotterie wird, während die Banken an den Bildungskrediten verdienen. Wir hätten eine Bildung, die sich nur noch am Export orientiert. Da wir in der Schweiz nicht die Kultur der Milliarden-Spenden von Alumni haben wie in Massachusetts, würden unsere Unis ohne Staatsknete sofort auf das philippinische Modell umschwenken: Maximale Masse bei minimalem Aufwand. Die heimische Infrastruktur ginge vor die Hunde, weil die Ausbildung der Lokalen niemanden interessiert, solange sie nur brav ihre Gebühren zahlen. 

Das ist eure Marktnähe: Wir bilden für den aus, der am meisten zahlt – und das ist selten das eigene Land.

​Auf den Philippinen ist dieses System eine Tragödie, die aus der Not geboren wurde. In der Schweiz wäre es ein vorsätzlicher kultureller Selbstmord aus purer Gier. Ihr werdet kein Harvard bekommen, ihr werdet eine Diplom-Fabrik mit Callcenter-Anschluss und lebenslanger Verschuldung ernten. Ihr wollt den Markt? Hier habt ihr ihn. Er ist laut, er ist ungerecht, er ist ineffizient – aber hey, er kostet den Staat keinen Rappen mehr. Er kostet uns nur die Zukunft unserer Kinder.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *