Manchmal gehen mir meine Landsleute gewaltig auf den Wecker. Die rechts von mir sowieso, oft aber auch die links von mir. Mit welchem Recht massen wir uns eigentlich an, Staaten moralisch zu kritisieren, die lediglich versuchen, eine wirtschaftliche Katastrophe zu vermeiden?
Es war beim Mittagessen am Boulevard der Provinzhauptstadt. Die Aussicht war trübe. Die Nachbarsinsel sah man nicht. Dunst bedeckte alles, was weiter als zehn Kilometer lag. Der Hals kratzte von den Schwefelverbindungen, die der Mount Kanlaon, der grösste und aktivste Vulkan der Insel, seit gut einem Monat ausstiess. Ich hustete; ich hätte mich fast an einem Stück Fisch verschluckt. Nein, nicht wegen der Gräten, wegen der Unterhaltung am Nebentisch. Die war der Anlass für meinen Artikel hier.
In Bern und Zürich herrscht offenbar eine beruhigende Gewissheit: Die Strasse von Hormus mag flackern wie eine kaputte Neonröhre, aber unser Kaffee wird heiss bleiben. Warum? Weil wir es uns leisten können. Wir sind die VIP-Gäste auf der Titanic, die für einen Platz im Rettungsboot einfach den Preis des gesamten Schiffes bieten. Während die Weltwirtschaft im Stroboskopeffekt der US-Iran-Blockade taumelt, kaufen wir einfach das teuerste Öl am Markt – egal, woher es kommt, solange das Zertifikat “neutral” riecht. Wir senken die Steuern, was den Verbrauch erhöht, statt zu sparen. In Asien hingegen brennt die Hütte; hier ist die Blockade kein Gesprächsthema beim Apéro, sondern das Ende der zivilisatorischen Grundversorgung. Hier haben die Leute echt Angst um ihre Zukunft. Das sieht man täglich an den Tankstellen, wo Mensch noch schnell tanken geht, bevor man sich zu Hause beim Opa über die gestiegenen Preise unterhält.
Der Kapitän und die Goldkarte
Schau dir den Kapitän im Bild an. Das ist kein Seemann mehr, das ist ein Philosoph am Abgrund. Ganz sicher kein Schweizer. Die würden sich nicht in Gefahr begeben, um das dreckige Öl in der Welt herumzuschiffen. Der Kapitän “White Whale Jürg”, Pirat der Neuzeit, starrt auf diese absurde Ampel-Konstruktion mitten im Ozean – ein Denkmal des menschlichen Unvermögens. Grün sagt „Fahr!“, Rot sagt „Stopp!“, und die US-Zerstörer im Hintergrund sagen „Versuch’s doch!“. Er kratzt sich den Kopf, weil er begriffen hat: Logik ist in diesen Gewässern eine untergegangene Währung. Aber er hat einen Joker: Die goldene Kreditkarte im Safe. Er wird durchkommen, hofft er, weil er das Schmiergeld für die gesamte Eskorte zahlen kann. Wenn Trump nicht dumm tut.
Die Moral-Apostel im Glashaus
Und hier kommt das Mittagessen, und hier wird es richtig hässlich: Während wir uns das Öl zu Wucherpreisen sichern, heben wir in der Schweiz den moralischen Zeigefinger. Wie die zwei Landsleute am Nebentisch. Wir schauen hinunter zu Schwellenländern wie den Philippinen, die es wagen, direkt mit Teheran zu dealen, um den totalen Blackout zu verhindern.
„Schau dir sie an“, raunte einer der beiden Schweizer beim Apéro, „sie paktieren mit dem Unrechtsregime. Haben die denn gar keine Prinzipien?“ Dass die Alternative für Manila der totale Kollaps ist, interessiert die beiden nicht. In ihrer Expat-Komfortzone mit Klimaanlage sehen sie da nicht einmal ansatzweise ein Problem. Sie sehen nicht, dass gestiegene Benzinpreise locker 10 % der Studenten von der Schule abhalten könnten, weil sie sich den Weg nicht mehr leisten können. Nur ein Beispiel, wie massiv dieser idiotische Krieg ein Schwellenland beeinflussen kann.
Liebe Schweizer dort am Nebentisch: Ihr leistet euch den Luxus der Moral, weil ihr die Rechnung für die Doppelmoral bezahlen könnt. Ihr kauft Öl von denjenigen, die es heimlich von denjenigen kaufen, die wir eigentlich sanktionieren. Aber hey, unser Stempel ist sauber.
Die philippinische Antwort: Diskarte statt Diplom-Palaver
In Manila hat man keine Zeit für das Schweizer Moral-Theater. Wenn die USA blockieren und der Preis steigt, setzt man sich mit dem Iran an den Tisch. Das nennt sich Überleben. Und wenn das Öl trotzdem nicht reicht, wird eben die Fritteuse angezapft. Kürzlich fuhr ich in einem Jeepney, das tatsächlich wie eine McDonald’s-Filiale roch. Es ist ein schmutziges, ehrliches Handeln gegen ein sauberes, verlogenes Bezahlen. Und ich muss damit rechnen, dass im Juli, wenn ich in die Schweiz fliegen will, in Cebu oder Manila kein Kerosin vorhanden ist. Bahala Na. Es kommt schon gut.
Die bittere Wahrheit: Die Schweiz spart nicht, sie zahlt nur mehr. Die Philippinen sparen nicht, sie improvisieren. Wer von beiden hat am Ende mehr Rückgrat? Derjenige, der sich sein Gewissen erkauft, oder derjenige, der zugibt, dass man mit Prinzipien allein keinen Jeepney betanken kann?
Was wäre, wenn wir einfach mal das Maul halten würden?
