Pinocchio geriet in Ekstase. Er sprang auf einen Stein, die Arme weit ausgebreitet, als wolle er den gesamten Archipel umarmen. Seine Augen leuchteten wie frische Polituren.
„Carabao, du verstehst die Dimension nicht! Tallano – das ist nicht nur ein Name, das ist das Blutrecht! Prinz Tagean Tallano herrschte über das Maharlika-Königreich, lange bevor die Weissen kamen. Er besass den Zehnten des gesamten Weltgoldes! Als Dankeschön an die Marcos-Familie, die ihm als Anwälte halfen, wurde dieses Gold als Treuhandvermögen hinterlegt.”
” Carabao, wir reden von über 600’000 Tonnen, Carabao! Es liegt im Vatikan, im Keller der Basilika. Stell dir vor: Wenn das Siegel bricht, wird jede philippinische Familie eine Million Pesos im Monat bekommen. Einfach so! Wir bauen Brücken aus Kristall, Schulen aus Elfenbein, und niemand muss mehr als OFW (Oversea Filipino Worker) in der Wüste schuften. Die Philippinen werden das Zentrum der Welt sein, reicher als die G7 zusammen! Es ist der göttliche Plan, die Rückkehr des Reichtums Gottes an die Armen!“
Pinocchio strahlte so sehr, dass seine Nase fast zu glühen begann. Er schwelgte in einem goldenen Rausch aus Gerechtigkeit und Überfluss.
Der Carabao wartete. Er wartete so lange, bis die Euphorie in der schwülen Luft wie ein zu stramm aufgepusteter Ballon zu zittern begann. Dann gab er ein Geräusch von sich, das wie das Mahlen von Mühlsteinen klang – ein tiefes, kehliges Lachen.
„Maharlika“, gluckste der Carabao. „Göttlicher Plan. Ich gratuliere, Pinocchio. Du hast die ultimative Droge gefunden: Die Hoffnung auf das grosse Fressen ohne Arbeit. Aber jetzt setz dich mal hin, kleiner Holzfreund, und lass uns über die Realität reden. Wir müssen über die Schweiz reden – den Ort, an dem deine goldenen Träume zur Schlachtbank geführt werden. Wenn das Gold im Vatikan tatsächlich existieren würde, wäre es schon längst in der Schweiz.“
Der Carabao senkte die Stimme, und jetzt kam die Schärfe, die kein Blatt vor den Mund nahm.
„Weisst du, was wir Schweizer damit machen würden? Wir brauchen keine Märchen von Prinz Tagean. Wir sind die grössten Goldhändler und -schmelzer dieses Planeten. Wir sitzen da oben in den Alpen, putzen unsere Brillen und warten darauf, dass uns irgendwelche Gauner oder Halbgauner das Metall bringen. Während du von Schulen aus Elfenbein träumst, verarbeiten wir im Tessin 70 % des weltweiten Goldes.
Und weisst du, wie das läuft? Es ist die grosse Alchemie der Heuchelei. Wir nehmen das Blutgold aus dem Kongo, das Raubgold der Diktatoren und das Schwarzgeld der Oligarchen. Dazu würde auch das Gold von Marcos gehören, wenn es denn existieren würde. Dann werfen wir alles in einen Topf, mischen ein wenig seriöses Gold dazu, schmelzen es bei 1065 Grad ein und – Hokus Pokus – es kommt ein glänzender Barren mit Schweizer Stempel heraus. In dem Moment, in dem die Schmelze abkühlt, ist jede Geschichte gelöscht. Das Gold ist unschuldig. Es hat keine Vergangenheit mehr. Es ist jetzt ‚Schweizer Wertarbeit‘.
Wir sind so unermesslich reich durch diese Nummer, dass wir es uns leisten können, Gold wie Spielzeug zu behandeln. Wir giessen individualisierte Barren, gravieren Namen ein und verschenken es zur Erstkommunion. Wir können sogar Trampelchen einen individualisierten Barren schenken, damit er die Zölle senkt. Warum? Weil wir die Hehler der Weltgeschichte sind.
Dein Tallano-Gold? Wenn es existieren würde, wäre es längst durch eine Schweizer Raffinerie gelaufen. Und weisst du, was dann übrig bliebe? Ein Barren für einen anonymen Stiftungsrat in Vaduz. Du und dein Volk, ihr bekämt keinen Krümel ab. Ihr kriegt die Legende, wir kriegen die Provision. Ihr habt den Prinzen Tallano, wir haben das Bankgeheimnis. Und glaub mir, Pinocchio: Im Zweifelsfall gewinnt das Bankgeheimnis immer gegen den Messias.“
Der Carabao schnaubte Pinocchio direkt ins Gesicht.„Pinocchio, Gold hat keine Geschichte.
Entweder sie ist erfunden oder sie ist verschwiegen.”

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