Eigentlich hatte Pinocchio mich nach Italien eingeladen. Er schrieb, er müsse mir dort etwas zeigen, eine fundamentale Wahrheit, die man nur zwischen Marmorsäulen begreifen könne. Ich sagte zu. Aber ein Carabao hat einen Sinn für ökonomische Viskosität. Der Flug nach Kloten war schlichtweg günstiger als der nach Rom. Man muss Prioritäten setzen. Wenn du als Wasserbüffel versuchst, ein Ticket zu buchen, das nicht dein Budget für Kokosnuss-Leckerlis auffrisst, landest du eben in der Schweiz. Zumindest in der Phantasiewelt.
Pinocchio wartete in Zürich. Er sah nicht glücklich aus. Er stand da wie eine hölzerne Mahnung an die Unpünktlichkeit der Welt. „Wir müssen nach Italien, Carabao!“, rief er. „Dort wartet die Erkenntnis! Es ist schlimmer als die Illuminati “.
„Sicher“, sagte ich, „aber wir fahren durch den Lötschberg und das Centovalli. Der Gotthard ist für “Juflicheibe”, die ankommen wollen. Der Lötschberg ist für Leute, die noch Zeit und Fragen haben.“
Die Berner Verzögerungstaktik
Wir machten einen Abstecher nach Bern. Pinocchio wollte direkt weiter, aber ich musste mir erst einmal diese Sandsteingebäude ansehen, die so tun, als hätten sie die Ewigkeit gepachtet. Ich verlor mich in der Mechanik des Zytglogge. Ich erklärte Pinocchio gefühlte drei Stunden lang, dass Schweizer Uhren das exakte Gegenteil zum philippinischen „Bahala na“ sind. Statt “es wird schon gut kommen” heisst es in der Schweiz “Du darfst nicht zu spät kommen”. Der schweizerische Teufel trägt keine Hörner, sondern eine Uhr, die zwei Minuten nachgeht.
Wir beobachteten zwei Herren am Nebentisch, die so diskret über eine Firmenpleite schwiegen, dass es fast weh tat.
„Sali, Hans-Ueli“, sagte der eine. „Ich hörte, dein Projekt hat… Verzögerungen?“
„Man optimiert die Parameter, Beat“, erwiderte der andere. Pinochio schrie auf: “Wieso lügen die und wieso bekommen die keine lange Nase?”
“Hans-Ueli hatte gerade zugegeben, dass alles an die Wand gefahren ist. Aber er sagt es so, dass Beat ihn nicht einen Versager nennen muss. Das ist das Schweizer Schmiermittel: Das Neutralisieren der Katastrophe durch Vokabeln, die so glatt sind, dass man nicht hängen bleiben kann. Die Wahrheit stirbt hier vor Langeweile im Vorzimmer.”
Wir fuhren schliesslich durch das Centovalli nach Italien. 83 Brücken und 31 Tunnel. Das ist die Entschleunigung des Carabao. Wir sind in Locarno. Der Ort, an dem man merkt, dass das Ziel nur eine Ausrede für den Weg durchs Centovalli war.
Italien: Der Carabao im Glashaus
Vor einer Trattoria in Florenz geschah es. Ein Kellner namens Vincenzo servierte eine Pasta. Der Gast, ein Mann mit einem Gesicht wie ein vertrockneter Steinpilz, schrie: „Vincenzo! Das ist keine Carbonara, das ist eine Beleidigung für meine Ahnengalerie! Zu viel Salz, die Eier sind gestockt – willst du mich vergiften?“
Ich wollte helfen. Ich setzte mein sanftestes Carabao-Lächeln auf. „Signore“, säuselte ich, „Sie missverstehen das. Vincenzo wollte Ihnen nur die salzige Brise des Mittelmeers näherbringen. Es ist eine kulinarische Hommage an die Fischer von Livorno…“
Vincenzo explodierte: „Du übergrosses Rindvieh! Willst du sagen, ich lüge meine Gäste an, anstatt richtig zu kochen? In diesem Haus wird nicht ‘gedichtet’, hier wird gearbeitet! Wenn das Essen schlecht ist, ist es schlecht! Geh zurück in deinen Sumpf und lass uns unsere ehrliche Wut!“
Pinocchio zog mich am Schwanz weg. „Hier in Italien ist die Wahrheit ein Sport, Carabao. Versuche nicht zu schlichten, du vertreibst ihnen den Spass am Streit.“
Der Vatikan – Die grosse Fiktion
Wir schlichen durch Hallen, die so hoch waren, dass man darin das Wetter vorhersagen konnte. Ich schnaubte verächtlich über den Prunk, wieviele Filipinos damit ernährt werden könnten, doch Pinocchio blieb stehen und sah mich aus seinen gemalten Augen sehr ernst an.
„Carabao“, sagte er, „du schimpfst über das Gold und die Bürokratie. Aber schau dir das Fundament an. Wir stehen hier im Zentrum der grössten Fiktion, die die Menschheit je erfunden hat. Der Mensch beherrscht die Welt nicht wegen unserer Hufe oder Nasen, sondern weil wir alle an dieselbe Geschichte glauben.“
Er deutete auf die Kuppel. „Gott, Jesus, das ewige Leben – das ist die Erzählung der Erzählungen. Es ist eine Fiktion, die so mächtig ist, dass sie Kriege beginnt oder beendet, Kathedralen baut und Milliarden von Menschen dazu bringt, nach Regeln zu leben, die sie nie gesehen haben.”
Die Rückkehr: Das Öl von Dauin
Endlich zurück in Negros. Unter dem Balete-Baum in Dauin sahen wir Mang Pedro, der fassungslos auf den leeren Platz seines Mountainbikes starrte. Er wollte gerade ein Wehklagen anstimmen, doch Nachbar Jun war schneller.
„Pedro!“, rief Jun mit einer Fröhlichkeit, so glatt wie eine polierte Mango. „Hast du Totoy gesehen? Was für ein fleissiger Junge! Er hat dein Rad mitgenommen, um es in die Werkstatt zu bringen. Er meinte, die Bremsen seien lebensgefährlich. Eine Überraschung sollte es werden!“
Pedro wusste, dass Jun log. Er wusste, dass Totoy nie etwas freiwillig reparierte. Aber sein Gesicht entspannte sich. „Ach, der gute Totoy“, sagte er. „Ich dachte schon, mein Gedächtnis lässt mich im Stich.“
Am Abend stand das Rad wieder da. Die Ehre aller war poliert.
Gedanken des Carabao
Endlich wieder zu Hause. In Bern wird die Wahrheit eingefroren, in Italien braucht man sie zum Streiten, im Vatikan wird sie als Fiktion vergoldet – aber hier lügen wir uns an, damit wir ruhig schlafen können.

1 thought on “Pinocchio – Carlo Collodi”