Das Schweigen der Lämmer – Harris/Foster/Hopkins

Glaub mir, du willst das in den Philippinen nicht erleben! 

Manchmal stehe ich als Carabao mitten in der Provinzhauptstadt und beobachte Szenen, die in der Schweiz als sachliche Besprechung gelten würden, hier aber die Dynamik eines Psychothrillers entfalten. Es geht um Kritik. 

In meiner alten Heimat, in der Schweiz, ist Kritik äussern sowas wie das Guetnachtgschichtli; hier in den Philippinen wird es zum Schweigen der Lämmer, bei dem dir das Blut in den Adern gefriert. 

​In Bern ist Kritik ja ein eher grobmotorischer Vorgang. Wenn der Plattenleger eine Fliese zwei Millimeter zu weit links setzt, dann zückt der Schweizer die Wasserwaage – die er natürlich immer im Keller hat, gleich neben Notvorrat und dem Reserve-Sackmesser. Er sagt: „Du, das isch aber cheibe schief. Das muesch nomau neu mache.“ Der Plattenleger schaut drauf, sagt „Hesch rächt“, reisst das Ding raus, und am Abend trinken sie zusammen im Ochsen eine Stange. Oder zwei. Die Sache ist die Sache. Das ist nicht persönlich, das ist pure Geometrie.

​Wenn du das hier in den Philippinen versuchst, beginnt der Horrorfilm. Die Hausmauer ist so schief, dass dir schon vorschwebt, wie sie zusammenkracht. ​Du sagst: „Denkst Du nicht, die Mauer ist schief?“ Ein einfacher Satz, sogar als Frage formuliert, um nicht mit der Tür ins Haus zu fallen. In der Schweiz ist das ein Hinweis, hier eine Kriegserklärung an das Amor Propio, das Selbstwertgefühl eines Filipino.

Im Moment, in dem das Wort „schief“ deine Lippen verlässt, passiert etwas Unheimliches: Das Gesicht deines Gegenübers friert ein. Das Lächeln bleibt zwar da, aber es ist kein Lächeln mehr – es wird zur Maske, zur Maske von Dr. Hannibal Lecter. Eine vollkommen glatte, höfliche, aber metallische Oberfläche, hinter der das eigentliche Ich schlagartig auf Distanz geht. Die Augen werden glasig, die Kommunikation wird klinisch rein, und du spürst: Du hast gerade nicht eine Mauer kritisiert, sondern eine Seele seziert. Ohne Betäubung.

​Das ist der Moment, in dem die Lämmer zu schweigen beginnen.

​Am nächsten Tag ist die Baustelle leer. Kein Hammerklopfen, kein Radio, kein „Good Morning, Sir“. Nur der Wind in den Palmen. Der Handwerker ist nicht krank, er ist nicht in den Urlaub gefahren – er ist in die soziale Unsichtbarkeit emigriert. Er ist ulaw. Er schämt sich. Er hat das Gesicht verloren, und wer kein Gesicht mehr hat, kann keine Kelle mehr halten. Er zieht das Schweigen vor, weil jedes weitere Wort eine neue Verletzung wäre. Für den Schweizer ist das die ultimative Ratlosigkeit. Er steht da mit seiner Wasserwaage wie ein Statist, der sein Drehbuch verloren hat, während er sich fragt, warum die Welt plötzlich aufgehört hat, mit ihm zu reden.

​Wie verhindert man das Grauen?

​Man muss lernen, die Kritik so zu verpacken, dass sie wie ein flüchtiges Gerücht wirkt. Man nutzt das Pahiwatig. Die Kunst der Andeutung. Man hört nicht nur hin, man spürt hin. Man sagt nicht: „Die Mauer ist krumm.“ Man sagt: „Sag mal, glaubst du, die Mauer möchte diese Kurve machen, um dem Wind besser auszuweichen?“ Man schmeichelt der Mauer, man fragt nach dem Wohlbefinden der Grossmutter des Maurers, und irgendwo dazwischen, ganz leise, lässt man die Information fallen, dass eine gerade Linie vielleicht auch ganz charmant wäre.

​Der Schweizer Leser schüttelt jetzt den Kopf. „Viel zu kompliziert!“, denkt er, während er zu Hause einen anonymen Brief an den Nachbarn schreibt, weil dessen Hecke drei Zentimeter über den Zaun ragt.

​Denn das ist die Pointe: Wir Schweizer sind ja auch keine Helden der Direktheit, wenn es um unsere soziale Existenz geht. Wir verstecken uns hinter Paragrafen und Dingen wie dem “Wöschplan”. Wenn etwas nicht stimmt, sagen wir das oft auch nicht offen, sondern eben mit anonymen Briefen. Der Filipino versteckt sich hinter dem Schweigen und der Harmonie. Und sagt nichts mehr. Wir haben beide panische Angst davor, aus der Herde ausgeschlossen zu werden und reagieren entsprechend.

​Vielleicht ist das die wahre wyssheit: In der Hitze der Philippinen ist ein schiefes Dach, unter dem gelacht wird, statisch stabiler als eine Schweizer Präzisionsvilla, in der die Stille so schwer wiegt wie ein Grabstein.

​Manchmal muss man die Wasserwaage einfach im Keller lassen. Bahala na. Es kommt schon gut. Es ist zwar krumm, aber wenigstens antworten die Lämmer noch, wenn man sie grüsst. Lisud kaayo, aber irgendwie… leiser.

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