Die halbierten Wahrheiten

Die halbe Wahrheit ist die ganze Lüge.

Teil 1: Mittagstisch in den Philippinen

(Der Duft von gebratenem Bangus vermischt sich mit der feuchten Mittagshitze. Ein Ventilator kämpft vergeblich gegen die Schwüle,)

Tito Boy: (Onkel Boy wischt manisch über das Handydisplay) „Jun-Jun, schau! Endlich sagt es einer. Dieser Vlogger aus Davao hat Beweise: Die Zentralbank versteckt das Gold der Marcos-Milliarden in einem Keller in Leyte. Wir werden alle reich, bai! Die Presse in Manila verschweigt das natürlich, die stecken alle unter einer Decke.“

Jun-Jun: (legt die Gabel weg) „Tito, das ist bakak – eine Lüge. Das Video ist ein Deepfake. Hast du mal auf die Lippenbewegung geachtet? Das stimmt hinten und vorne nicht. Aber seit es keine unabhängige Presse, keine investigativen echten Reporter mehr gibt, die in diese Keller schauen dürfen, glaubst du dem lautesten Schreier auf YouTube.“

Lolo: (Der Opa starrt trübe auf sein eigenes Handy) „Ich weiss gar nicht mehr, was ich glauben soll. Gestern war der Gouverneurskandidat auf Facebook ein Heiliger, heute ein Mörder. Libog kaayo. Mein Kopf tut weh. Ich schaue jetzt nur noch tanzende Carabaos. Da weiss ich wenigstens, dass das Tier echt ist.“

Jun-Jun: „Genau das ist das Problem, Lolo. Während wir tanzende Tiere schauen und Tito Boy von Gold träumt, stehlen sie unsere Steuergelder und niemand schaut hin. Wir haben keinen Kompass mehr. Wir treiben einfach im Müll.“

​Teil 2: Presse Philippinen – Tendenz Schweiz

​Was wir in den Philippinen am Tisch erleben, ist das Endstadium einer Entwicklung, deren Vorboten die Schweiz bereits erreichen. In den Philippinen wurde die vierte Gewalt politisch und ökonomisch sturmreif geschossen; zurück blieb ein Vakuum, das von Algorithmen gefüllt wurde. Facebook, TikTok sind die Nachrichtenquellen für die meisten Filipinos.

​Obwohl die Schweiz noch nicht über die Halbierungsinitiative abgestimmt hat, sind die Tendenzen unübersehbar:

Erosionsgefahr: Die Diskussion um die Gebührensenkung zielt auf die Substanz. Wer den Service Public finanziell schwächt, riskiert, dass die Qualität in die Nische gedrängt wird.

News-Deprivation: Wie in den Philippinen (71 % News-Avoidance) flüchten auch in der Schweiz immer mehr Menschen aus dem komplexen Diskurs in die einfache Unterhaltung oder die Echokammer.

Plattformisierung: Die Deutungshoheit wandert schleichend von Redaktionen zu Algorithmen. Wer spart, zahlt am Ende mit dem Verlust der gemeinsamen gesellschaftlichen Basis.

​Teil 3: Fiktiver Mittagstisch in Wallisellen

(Das Besteck klappert leise auf dem Keramik, die Stimmung ist kühl. Das Gulasch ist etwas versalzen.)

Beat: „Hast du das Video vom Finanz-Insider gesehen, Elena? Er zeigt die Flugpläne. Die Nationalbank fliegt unser Gold nach Katar. Die SRG bringt dazu natürlich nichts – die haben ja kaum noch Geld für investigative Recherche. Nur noch Wetter und Sport-Clips.“

Elena: „Ich hab’s gesehen, Beat. Aber schau dir das hier an: Auf ‚SwissTruth‘ steht, dass die neue Trinkwasser-Fluoridierung in Zürich direkt mit den Wahlprognosen korreliert. Eine schleichende Sedierung. Ich kauf nur noch Flaschenwasser.“

Lukas: (19, fassungslos) „Leute, hört ihr euch eigentlich zu? Ihr diskutiert genau wie die Leute auf den Philippinen. Jeder hat seinen eigenen Kanal, seine eigene Verschwörung. Früher haben wir uns wenigstens über die gleiche Tagesschau gestritten. Jetzt hat jeder seine eigene Wahrheit im Sack.“

Beat: „Die Tagesschau? Lukas, das sind drei Praktikanten, die Agenturmeldungen vorlesen. Da vertraue ich lieber dem Insider im Netz, der zeigt wenigstens Kante.“

Lukas: „Es ist nicht die Wahrheit, die gratis ist, Papa. Es ist die Lüge. Wir haben den Anker gelichtet, weil uns die 335 Franken zu viel waren. Jetzt sitzen wir am gleichen Tisch und verstehen kein Wort mehr voneinander. Wir treiben genauso wie die Leute in den Philippinen.“

Der Blick des Carabao

Wer die Wahrheit halbiert, bekommt nicht die halbe Wahrheit – er bekommt die ganze Lüge. Die Tendenzen sind da; noch haben wir in der Schweiz die Wahl, ob wir den Anker halten oder kappen wollen.

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