Meine Damen und Herren, das ist doch der wahre Fortschritt! Das ist die geniale, ökonomisch optimierte Fassung der Moral!
Früher! Stellen Sie sich das vor: Früher mussten wir lesen! Bücher! Bibliotheken! 800 Seiten Kant, 1200 Seiten Schopenhauer, nur um am Ende festzustellen, dass wir ethisch hochgradig unqualifiziert sind. Das war pure Zumutung! Die Moral zu verbreiten eine Sisyphusarbeit. Sagen Sie selber, das war doch ineffizient! Wer hat denn Zeit dafür, seine Seele in einem Gedanken-Bergwerk zu vergraben?
Das heutige Modell ist so viel besser! Die Moral ist keine lästige Pflicht mehr, sie ist ein Statussymbol! Sie ist das eine digitale Accessoire, das man schnell an- und wieder ablegen kann. Handy ein, Post, Handy aus. Einfacher geht es nicht mehr. Facebook sei Dank, TicToc sei gelobt und Bluesky angebetet.
Ein Post ist heute keine Überzeugung mehr, er ist eine Werbemassnahme für das eigene Ego.
Sie brauchen keinen umständlichen Charakter mehr, der Tugend vorlebt. Sie brauchen nur einen kurzen Post, der beweist, dass Sie wissen, wo die moralisch korrekte Position liegt. Das ist die Umwandlung von ethischer Arbeit in Selbstdarstellung. Ökonomisch ein Traum! Zuckerbergs Traum!
Was, wenn das das perfekte, globale System ist?
Es funktioniert, weil die unangenehmen, physischen Konsequenzen dieser Selbstdarstellungs-Moral sauber ausgelagert werden. Wir kaufen uns mit unserem Post frei, aber irgendjemand muss den echten Preis bezahlen. Nehmen Sie die Philippinen. Dort kommt das ganze Zeug an, das wir mit unserem Online-Anstand nicht sehen wollen.
Der Müll, der die Strände überflutet, ist nicht zufällig hier. Er ist die materielle Manifestation unseres leichten Gewissens. Während wir im Westen an unseren Displays polieren, produzieren wir im Grunde nur noch heisse Luft in Pixelform, die hier als Hass in den Outsourcing-Zentren anlandet. Zumindest bis vor kurzem, als die Zuckerbergs noch nicht vor dem König Trampelchen knieten.
Unsere Moral wurde ein Statussymbol, das dort brilliert, wo wir gerade sind. Aber den Ekel, den Hass, haben wir elegant an die Peripherie verschoben. Das ist keine Anklage. Das ist nur die kühle Marktanalyse: Der Kern unserer Moral ist heute die Selbstdarstellung, deren einziges Ziel es ist, nicht mit dem Müll in Berührung zu kommen, den sie erzeugt hat.
Die Moral ist zum nutzlosesten Accessoire der Moderne geworden. Ich derweil schaue nur noch auf Tugend. Auf Handlungen von Menschen. Solche gibt es zum Glück auch noch.
Übrigens, gibt es Moral schon im Design von Louis Vuitton oder Gucci?
