Ein Stuhl ist ein Stuhl
Und ein Tisch ist ein Tisch.
Die grössten Feinde in der Fremde sind Worte, die so tun als wären sie dir vertraut. Die dich aber stattdessen in der finstersten Ungewissheit versenken.
Dies Ist die Geschichte von Emilio, dem Spanier, der nur noch Deutsch spricht. Und nur noch mit sich selbst.
Emilio war seguro – sicher.
Er, ein Madrileño mit einem Abschluss in romanischer Philologie, war in den Visayas, weil er dachte: Kommunikation? Das ist peanuts – einfach. Jahrhunderte spanischer Einfluss, die Sprache sei gespickt mit seinen Wörtern. Er brauchte sich nicht gross kümmern. Er war ein Turista der Sprachwissenschaft. Er dachte, er habe ein linguistisches Abo für die Wahrheit.
Er sass im Jeepney und hörte, wie die Dame neben ihm zum Fahrer sagte: “Basta na, drayber!” Emilio nickte. Ah, Basta, Driver, Fahrer, Genug! Aussteigen. Die Dame schaute zum Fenster hinaus, das Jeepney hielt, jemand stieg ein, die Dame aber stieg nicht aus. Der Fahrer fuhr weiter. Emilio, irritiert, fragte: “*Señora, wollten Sie nicht aussteigen?”
Die Dame drehte sich um und lächelte, so wie ein Kapitän lächelt, wenn er weiss, dass das Rettungsboot ein Loch hat. “*Dili pa, sir. Basta mag-abot mi sa eskwelahan ko mo-naog.” Erst wenn wir zur Schule kommen.
Emilio spürte das feine, aber entscheidende Knistern in seinem Verständnis. Basta. Er verstand nur “Genug”. Aber hier: Solange oder erst wenn wir zur Schule kommen. Genug bedeutete nicht Genug. Nicht mehr Genug. Es war ein Rettungsboot mit Loch. Ein Wort hatte seine Bedeutung aufgegeben. Emilios linguistische Basis wackelte ein erstes Mal.
Am palengke – Markt, wollte er Fisch braten lassen. Er zeigte auf den lapu-lapu. Den Fisch, nicht der Besieger Magellans. Er sagte zur Verkäuferin, einer Lola – Grossmutter, mit Augen, die mehr gesehen hatten als die Summe aller spanischen Imperative: “Por favor, Lola, ¿puede asar este pescado?” – Können Sie diesen Fisch braten?
Die Lola schüttelte den Kopf. Sie antwortete mit einer Stimme, die nur aburrido (reizbar) sein konnte: “Ngano gusto mo ko asaron? Wa man ko sala! Sige na, buy na! Banda ra man, kini na isda!”
“Warum wollen Sie mich ärgern? Ich habe doch nichts falsch gemacht! Gehen Sie schon, kaufen Sie! Dieser Fisch ist billig genug!”
Emilio erstarrte. Die Lola antwortete sehr aburrido, gereizt. Dabei sah sie zunächst aburrido aus, gelangweilt.
Asar war nicht braten, es war ärgern. Sie sah gelangweilt aus (Spanisch aburrido), aber sie war reizbar (Cebuano aburrido). Und Banda war nicht Seite oder Band, es war günstig, billig. Man konnte von einem billigen Fisch nicht erwarten, dass er ehrliche Wörter sprach. Emilios Welt zeigte erste Brüche.
Später in einem winzigen Laden kaufte er eine Cola. Er brauchte eine kleine Freude. Er reichte dem Jungen einen Schein.
”Aqui tiene el Vale,” – Hier ist der Gutschein/Es ist OK, sagte Don Emilio.
Der Junge schaute auf den Schein, dann zu Emilio. “O, sir, amo na ang sweldo ni mama.” ”Das ist der Lohn meiner Mutter.”
Vale war nicht Gut oder OK. Vale war Lohn. Emilio hielt den Lohn der Mutter des Jungen in der Hand, während er Cola trinken wollte. Die Welt war nicht mehr logisch. Sie war beleidigend. Emilios Welt zerbrach.
Er taumelte zurück ins Hotel. Er nahm einen Stuhl.
«Der Stuhl ist jetzt mein Hut! Der Teppich heisst Schrank und der Tisch heisst Bett», brüllte er in das leere Zimmer. Er stellte den Hut auf den Schrank neben das Bett. Er nahm eine Münze und warf sie auf den Boden: «Das ist jetzt mein Kopf!». Er kniete vor dem Kopf nieder und betete: “Kopf, bitte sag mir, was ein Stuhl ist!”
Seine Wut war grotesk, weil sie auf der grausamsten aller Strafen beruhte: Das Nichts hatte sich zur Einsamkeit erhoben. Er fühlte sich unverstanden.
Ich fand ihn in der Eingangshalle, wie er versuchte, mit einem Taschenrechner (Calculadora) einen Kobold (Impakto) zu erpressen. Er trug den Stuhl auf dem Kopf.
”Huy, Emilio,” sagte ich, der Carabao, direkt und ruhig. “Stop na. I-down mo na – leg das hin. Was machst du?”
Er starrte mich an, die Münze am Boden. “Ich singe mein Vale! Ich singe das Geld für den Kobold! Das ist die letzte Banda, die letzte Hoffnung!”
Ich bückte mich zu ihm, blickte auf den Stuhl auf seinem Kopf. “Sprich Deutsch”, sagte ich. “Da gibt es nur Sicherheit. Das Spanische hat hier mit der kulturellen Anpassung alles verwirrt. Deutsch ist safe.”
Emilio richtete sich mühsam auf, der Stuhl kippte leicht. Er sah an mir vorbei auf die Tafel über dem Eingang, die mit geschnitztem Holz und deutscher Schrift verziert war.
Er lachte, ein scharfes, trockenes, hexenartiges Lachen, das wie aburrido (reizbar) klang und die ganze sprachliche Tragödie zusammenfasste.
”Das sagst du mir ausgerechnet im Restaurant ‘Koffee Klatch’?”
Das waren seine letzten Worte, die er zu jemandem sprach. Ausser zu sich selbst.
Kennst du auch Beispiele von Menschen, die sich wie Emilio in einer Schweigespirale befinden?
PS. Peter Bichsel war diesmal der Carabao, nicht ich. Dieses Erlebnis inspirierte ihn zur Geschichte “Ein Tisch ist ein Tisch”.
