Warten oder korrumpieren. Beides ist Wahnsinn. Und ein Entkommen unmöglich.
Wobei, muss man fairerweise sagen, der Wahnsinn fängt schon beim Bestellen an.
Du stehst da mit deinem Schweizer Hochleistungs-Hirn und bestellst zwei Brillen. Nein, eben nicht die pinke von Elton John, die das Meer regelmässig in rosa Abendlicht tauchen. Meine Lesebrille und eine für die Ferne. Die Antwort des Optikers war dieses Lächeln, das gleichzeitig ein unauflösbares Versprechen war – und doch keines:
”After-Tomorrow, Sir. Seguro! Segurado! Vielleicht! Sicher!”
Seguro – das ist wie ein Vielleicht mal Sehr wahrscheinlich geteilt durch Kommt drauf an, hoch einem Irgendwann.
Für mich, die hochorganisierte Schweizer Bärner Biene (oder kurz SBB), Wächter der Pünktlichkeit, war das die totale Existenzkrise. Ich meine, du planst deinen Tag in 15-Minuten-Slots, und dann kommt Seguro. Vielleicht. Oder ganz schlimm: Seguro, Segurado. Wahrscheinlich sicher.
Ich sollte jetzt erzählen, wie das mit Spanien und dem Gesicht verlieren zusammenhängt. Hier nur soviel. Spanier meinen “sicher”, wenn sie Seguro sagen. Filipinos nicht. Und Gesichtverlust, das ist für den Filipino wie Kreditkartenverlust für deinen Vater. Totalverlust. Oder falls du jünger bist, das Passwort für TikTok. Das Leben wäre zwar noch eingeschränkt möglich, aber sinnlos. Ausser auf dem Mars. Übrigens soll Musk der erste Billionär werden. Ich hätte eine bessere Idee. Aber das würde nun definitiv zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Zurück zum Optiker.
After-tomorrow ging ich also hin: „Sorry, Sir! Your lenses are here but we need to make quality check first! Tomorrow, Segurado Seguro.“ Sicher vielleicht? Die neue Variante überforderte mich. Sollte ich hässig werden? Ja nicht, das wäre der soziale Selbstmord in den Philippinen.
Tomorrow ging ich halt wieder hin: „Sorry, Sir! My daughter sick, must go hospital! Come this afternoon, glasses ready, Segurado Seguro.“ Sicher wahrscheinlich!
Ich habe in der Zwischenzeit meine Kalender-App gelöscht. Man muss sich ja der lokalen Kultur anpassen.
Gerade als ich wieder gehen wollte, kam eine alte Frau mit zerbrochener Brille. Für eine neue reichte ihr Geld nicht. Der Optiker kümmerte sich sofort, nahm Leim, Klebeband und machte sich daran, diese notdürftig zu reparieren.
In diesem Moment erkannte ich: Das System schützt die Notleidenden, nicht die Zeitpläne. Das System reagiert nur auf Disaster.
Da hatte ich die Idee, diese stille, dumme Eingebung: Optiker, das ist ein Segurado-Notfall. Ich muss heute Nacht alternativlos nach Cebu. Ich brauche die Brille, da ich selbst fahre. Keine Ahnung, warum Cebu so wichtig war, aber es klang dringlich. Und offenbar überzeugend. Denn:
„I understand. Ich mache sie bereit, komm in 30 Minuten.“
Ha, ich habe das System im Griff. Aber sowas von Segurado. Heute Abend werde ich mit neuen Gläsern am Strand sitzen und dem Mondaufgang bestaunen.
30 Minuten später kehrte ich zurück. Ein junger Mann wartete dort, mit einer dringenden Manila-Anfrage. Der Optiker lächelte feiner, müder. Er legte einen kleinen, handgeschriebenen Zettel auf den Tresen: Segurado-Priority-Fee. Eine kleine bayad (eine Gebühr / Bezahlung) für die unterbrochene Ordnung.
Ich erstarrte. Meine strategische Improvisation hatte das System nicht besiegt, sondern zur Korruption gezwungen. Ich dachte es clever gespielt zu haben – stattdessen habe ich unheimlich dumm gehandelt. Die Resilienz hatte sich gegen meine Tyrannei verteidigt, absorbierte den Schock und schuf sofort eine neue Regel. Der Optiker kann deine Brille nur sofort fertigen, wenn du beweist, dass du sie verzweifelt brauchst. Aber wenn du beweist, dass du sie verzweifelt brauchst, beweist du zugleich, dass du bereit bist, das System zu bezahlen – und er ist nicht mehr verpflichtet, sie für dich zu fertigen, sondern nur noch für dein Geld. Doch es war keine Gerechtigkeit, sondern die finale Vergiftung: moralische Priorisierung weicht der Logik der Ungeduld. Stillschweigend legte der Optiker den Zettel nun vor mir hin.
Ich hatte das Chaos nicht bezwungen. Ich hängte ein Preisschild dran. Das Catch-22 der Philippinen.
Gibt es im philippinischen Catch-22 einen unschuldigen Ausweg – oder muss man immer bezahlen, um die eigene Pünktlichkeit durchzusetzen? Wie hättest du es gemacht?
PS. Am Abend war es bewölkt.
Karma!
