Und ewig grüsst das Murmeltier – Ramis/Murray

Dr Chlapf hinger d’Ohre vor Maria isch gsässe. Mein Brett vor dem Kopf flog in hohem Bogen davon. Schweizer Politik ist nicht besser als philippinische Politik.

Die Luft an diesem Abend war schwer wie nasses Leinen. Salz, verbranntes Laub, ein Hauch Müll – der übliche Dreiklang der Küste. Maria, Doppelbürgerin Philippinen/Schweiz, Besitzerin des wohl besten Resorts hier am Platz. Ihr Mann, Schweizer, war hier nur das Anhängsel. Mit Minderheitsbeteiligung. Ausländer dürfen in den Philippinnen kein Grundstück besitzen. Wir sassen an der Bar des besten Resorts im Ort. Ein Glas Carmenere aus Chile, rosa Abendlicht wie Elton-John-Gläser über allem. Brille von Elton John. Das wird eine andere Geschichte, die Brille, nicht Elton John. Verzeihung, ich will nicht abschweifen.

Fast hätte ich vergessen: Zwischen uns, breit, stoisch, wie so oft genervt von mir, sass mein innerer Carabao. Aber geduldig. Immer geduldig.

Er schaute aufs Meer, auf Maria, auf mich. Vor allem auf mich. Ich drehte mein Glas und begann, typisch ich:

“Maria, ich verstehe es einfach nicht! Sige na, sag es mir, wie kann man denn Jahr für Jahr denselben Gouverneur wählen, obwohl der nichts tut? Die Wirtschaft stagniert, die Armut geht nicht zurück, wohl aber die Verfügbarkeit von Strom. Die Insel stagniert, aber die Familie regiert weiter. Das ist doch – Wählerdummheit in Reinkultur! Wir reden hier nicht über zu viel oder zu wenig Käse importieren, Maria, das ist Systemversagen! Und ich dachte, nach deiner Zeit in Zürich wüsstest du, wie ein funktionierender Staat aussieht.”


Der Carabao hob langsam die Augenlider. Ein Blick, der sagte: Ach, der wieder….


Maria: (Sie lächelt müde.)

“Jürg, susmaryosep, Jesus, Maria, Josep, du bist so süss schweizerisch-naiv, das tut ja schon beim Zuhören weh. Elf Jahre hier, und dich interessiert nur die Lampe, die dunkel bleibt. Du erwartest, dass hier alles Toblerone-mässig funktioniert: präzise gezackt und immer gleich süss. Das ist keine Dummheit. Das ist eine Überlebenswährung. Wie das Goldvreneli deiner Eltern, nur heisst die Wähung hier Bugas, Reis.

Der Carabao nickte. Deutlich. Er verstand Bugas. Ich nicht.


Jürg:
“Überlebenswährung? Komm, Maria, das ist doch eine Beleidigung der Logik! Ich bin ein Berner, vielleicht langsam, aber nicht blöd. Ich weiss, wie Klientelpolitik funktioniert. Das ist doch zu einfach! In der Schweiz bekommt der Wähler wenigstens einen mehr oder weniger funktionierenden Staat. Der Nutzen ist für uns ein Grundrecht. Die Leute hier wählen jedoch den Misserfolg. Und wie mich dünkt: mit Absicht!”

Der Carabao schaute kurz hinüber zum Generator im Nachbarresort. Der brummte. Der Strom war natürlich wieder weg. Er musste gar nichts sagen. Sein Blick: Jürg, häb ds Muul!

Maria:
“Jürg, der Film heisst ‘Und ewig grüsst das Murmeltier’, kaya lang. Du siehst nur die moralische Anklage, die du aus Bern mitgebracht hast. Das ist, als würdest du den Hund kritisieren, weil er den einzigen Knochen klaut, den es gibt. Aber hier ist kein Platz für deine Moral. Das ist dafür die Gewissheit, dass dein Kind im Notfall nicht auf dem Boden sterben muss. Hier wählt man den Nutzen, den man essen kann. Hier wählt man, was am Mittagstisch besprochen wird: den persönlichen, pragmatischen Nutzen.”


Der Carabao machte ein sanftes, unüberhörbares pffrrt. Nicht gegen Maria.

Gegen mich.


Jürg:
“Loyalität zu einer korrupten Familie? Das ergibt analytisch keinen Sinn. Du lieferst mir nur eine Anekdote, keinen Beweis.”

Der Carabao rollte mit den Augen. Ich schwöre, er tat es.


Maria:
“Basta, der Gouverneur ist nicht der Garant für öffentliche Leistung – der Strom, der nicht kommt, ist ihm kaayo egal – vielmehr ist er der Garant für deine Kinder. Die Gouverneursfamilie liefert im Notfall Reis, eine Jobzusage oder stellt die Garantie für das Krankenhaus. Stell dir vor, du rufst bei der SBB an, weil dein Zug drei Stunden Verspätung hat, und der Schalterbeamte sagt dir: ‘Tut mir leid, aber dafür bekommen Sie und Ihre Grossmutter im nächsten Leben einen Gratis-Halbtax.’ Total bescheuert, oder? Aber hier funktioniert das genau so. Hier geht es um die Grundversorgung. Es ist die Arroganz des Westens, diesen pragmatischen Kontrakt zu verurteilen.”

Der Carabao senkte den Kopf tief. Als ging es um etwas Fundamentales. Grundversorgung versteht ein Carabao ohne Worte.


Jürg:
“Also, unsere Parteien in der Schweiz funktionieren anders. Dort geht es um Moral, um Patriotismus, um Prinzipien. Um einen funktionierenden Staat. Diesen Unterschied, die Grundversorgung als gegeben anzusehen, kann man doch nicht einfach wegwischen! Man kann doch die Schweiz nicht mit dem Bananenrepublik-Hinterhof gleichsetzen.”


Der Carabao blickte mich an, als hätte er gerade ein besonders trockenes Stück Heu verschluckt. Seine Augen sagten: Jetzt kommst. Knüppeldick.


Maria:
(Sie lacht leise, jetzt aber genervt.)

“Nein, Jürg. Sie funktionieren genau gleich, nur mit einem anderen Code. Das ist dein Denkfehler. Der Wähler ist nicht dumm, er ist extrem berechnend. Hier wählt er die Loyalität zur Familie, um sich für Notfälle vorzubereiten. In der Schweiz wählt man Ideologie, weil der Pragmatismus des funktionierenden Staates sowieso gesichert ist. Aber auch da ist die Währung schlussendlich Loyalität.”


Der Carabao hörte auf zu kauen. Das passierte selten. Er schnaubte. Seine Augen flehten mich an: Schweig jetzt. Es ist besser!

Jürg:
“He? Wie meinst du das? Das musst du mir jetzt aber genauer erklären.”

Maria:
“Die Linke verlangt vom Wähler Loyalität zur moralischen Richtigkeit – wähle uns, oder du bist rückständig, unmoralisch. Ein moralisches Abo, bei dem du dich gut fühlst, aber die Miete trotzdem steigt. Die Rechte verlangt Loyalität zur nationalen Zugehörigkeit – wähle uns, oder du bist unpatriotisch. Ein emotionaler Handschlag, bei dem deine Brieftasche leer bleibt. Links ie Rechts fordern Loyalität. Der Schweizer wählt das Hobby.

Der Filipino aber wählt das Überleben.

Beide Flügel fordern erstmals Loyalität als Währung, anstatt primär Nutzen (sinkende Krankenkassenprämien, Mieten, Lebensmittelpreise) zu liefern.”

Der Carabao blinzelte langsam. Ein visayisches Amen.

Jürg:
“Aber die Mitte, die wählt doch nicht Loyalität.”

Maria:
“Doch! Die Mitte wählt, wie der Filipino, den primären, pragmatischen Nutzen, indem sie das geringste Risiko wählt. Sie ist loyal zur eigenen Familie.”

Der Carabao nickte. Schweizer Mitte tönt offenbar nach absoluter Carabao-Logik. Ruhig, besonnen, kein Geschrei. Passte.


Jürg:
“Das ist also bei allen drei, links, rechts, mitte, derselbe Mechanismus wie beim Gouverneur, nur ohne Reissäcke. Ich sehe den Punkt, aber ich mag ihn nicht. Das ist mir zu zynisch.”


Der Carabao schnaubte trocken, als wolle er sagen: Niemmer seit, du müessisch das gärn ha, aber es isch halt e so.

Maria:
“Beide Flügel glauben, dass ihre Forderung nach Loyalität die Lieferung von Pragmatismus ersetzen kann. Die Mitte, insbesondere der Wechselwähler, ist jedoch berechnend, ihn interessieren die Themen am Mittagstisch, nicht Ideologien. Aber Achtung: Er tendiert nicht zu progressiven, komplexen Lösungen. Er tendiert zu einfachen Lösungen. Deshalb liefert die Rechte mit ihrem Dogma (Loyalität zur Einfachheit) die Ausweichwährung für den pragmatischen Wähler, der vor der Komplexität flieht. Und darum verliert die linke Seite.”


Der Carabao hielt inne, als Maria das sagte.

Ein langsames, schweres Stillwerden.

Wie vor einem Gewitter.

Jürg:
(Langes Schweigen. Blick ins leere Glas. Blick aufs Meer. Silberstaub, Stille, Generatorbrummen.)

“Der Strom ist also noch immer weg”, denke ich. Und nicke. Leicht. Zu leicht.

Dann:

“Ist das unbelehrbar? Oder schon Arroganz, Maria?”

Der Carabao drehte den Kopf zu mir – frontal. Das tat er nur, wenn ich endlich die richtige Frage stellte

.
Maria:
(Sie zuckt mit den Achseln.)

“Jürg, der Wähler wird das wählen, was er für am wenigsten riskant hält. Selbst wenn das ,Und ewig grüsst das Murmeltier’ bedeutet – hier wie in Bern – dann ist es eben so. Kaya lang, die Schuld liegt jedenfalls nicht beim Wähler.”


Der Carabao atmete lange aus.

Langsam. Tief.

Ein Jahrhundertealter Seufzer, irgendwo zwischen Reisfeld und Bundeshaus.

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