Hayek und Kant seziert

Würde und Freiheit stillen den Hunger nicht

Der Tricycle-Fahrer, der mich an diesem Abend nach Hause bringen sollte, hatte einen platten Reifen. Nicht irgendwie platt, sondern so platt, dass man meinen konnte, der Schlauch sei von einer besonders nachtragenden Gottheit persönlich beleidigt worden. „Kuya, I need to buy a new tube“, sagte er, und ich fragte höflich, auf welchem finanziellen Level diese Tragödie denn spiele. „Dili mahal“, meinte er tapfer – 200 Pesos. Ein halber Tageslohn etwa.

Nun hätte ich ja vorsichtig sein können und schweigen. Aber nein: Ich erwähnte, er hätte doch gestern gut verdient, da müsse doch… Restgeld existieren. Ein Fehler von der Größenordnung „Philosophiestudent erklärt Kleinkind Quantentheorie“. Für fünf Minuten stand ich da und hörte zu, wie er sein Geld verteilt hatte: eine Tasche für die Frau, gefälschte Nikes für den Sohn, ein Schoppen fürs Baby der Cousine der Tante, und für die Freunde eine Flasche Tanduay, denn ein guter Tag ohne Trinkgelage ist hier ungefähr so ungewöhnlich wie ein Jeepney ohne Dekoration. Ach, und die Fiesta am Dienstag, da mussten zwei Schweine her. Baboy. Grilliert, geröstet, geopfert auf dem Altar der Lebensfreude. Die Philippinen sind, wenn man es philosophisch betrachtet, das einzige Land, in dem Hedonismus günstiger ist als finanzielle Vernunft.

Hätte ich ihm keinen Kredit gegeben, wäre er zum Wucherer gegangen. 5/6 nennen sie das System: Du bekommst fünf Pesos, du gibst sechs zurück. In einer Woche. 20 % Zins pro Woche – ein Markt, der sich so effizient um die Not organisiert, dass Hayek in seinem Grab wahrscheinlich vor Freude kleine neoliberale Loopings schlägt. Markteffizienz ist eben dann am schönsten, wenn jemand anderes dafür blutet.

Auf meinen Reisen durch die Provinz sehe ich mehr, ich sehe sie überall: Bauruinen, unfertige Häuser, graue Skelette, die so aussehen, als hätten sie den Optimismus ihrer Besitzer gefressen und seien daran erstickt. Trophäen des Neoliberalismus: Kapital fließt nicht dahin, wo es hilft, sondern dahin, wo es grinst, während es dich ausnimmt. Der Schweizer in mir rebelliert, der Carabao in mir versucht, das Grinsen zu verstehen.

Hayeks Paradies und der Zins-Terror

Wer Hayeks reinen Markt sehen will, soll auf die Philippinen kommen. Hier regiert er wie ein lässiger Diktator, der die Schuhe auszieht, sich zurücklehnt und sagt: „Schaut selbst, Kinder, das wird ganz von allein.“ 1983 schaffte man hier ein Gesetz ab, das Wucher begrenzt hat. Und seitdem ist Kredit ein Glücksspiel, bei dem der Dealer immer gewinnt – und die Spieler keine Alternative haben. Ein Motorrad auf Kredit kostet nach 48 Monaten so viel wie ein Auto in der Schweiz. Ein Anwalt ist überflüssig, denn die ultimative Sicherung heißt Hiya, Scham – ein soziales Fallbeil, das härter zuschlägt als jede Betreibung. Wer nicht zahlt, fällt nicht in Schulden – er fällt aus der Gemeinschaft. Und das ist schlimmer als Armut.

Kants Würde vergeht das Lachen

In der Schweiz dagegen haben wir Kant, und wir haben Verfassung, und wir haben Artikel 7, 12 und 41, und das klingt nach Schutzengel, die ihren Job ernst nehmen. Wir lassen niemanden in Würde verhungern. Nein, wir lassen Menschen in sauberer, klinischer Scham überleben. Wir nennen es Working Poor. Die Angst frisst hier nicht den Pneu, sie frisst die Zahnarztrechnung – und damit das Lächeln, und damit den letzten Rest Selbstachtung, die man noch hat, bevor die Bürokratie freundlich darauf hinweist, dass man erst Anrecht auf Hilfe hat, wenn man praktisch schon am Boden liegt und freundlich um eine Unterlage bittet.

Die SP protestiert dagegen – natürlich, das gehört zum Ritual. Doch selbst sie hängt am System der subsidiären EL: Hilfe gibt’s, aber nur, wenn man zuerst beweisen muss, dass man sie verdient hat. Kant rotiert langsam wie ein asthmatischer Rotor im Grab.

Wir haben Armut nicht beseitigt; wir haben sie mit Stigma laminiert, gelocht und in einen Ordner gestellt.

Die Träumerei vom Dritten Weg

Und dann frage ich mich, ob man wirklich zwischen diesen beiden Welten leben muss: der Welt, wo die Menschen verhungern, weil sie einander zu sehr helfen, und der Welt, wo Menschen seelisch verhungern, weil sie niemand um Hilfe bitten wollen.

Vielleicht braucht es keinen Staat, keinen Markt, keine neuen Theorien – vielleicht braucht es etwas viel Einfacheres. Etwas wie Bayanihan. Dieses alte Bild vom Haus in den Philippinen, das von vielen Schultern getragen wird. Langsam, gemeinsam, ohne Aufhebens. Vielleicht ist Würde ja nichts Großes, sondern etwas Kleines. Etwas, das man teilt, nicht verteidigt.

Ich stelle mir eine Genossenschaft vor. Nicht revolutionär. Ein Kreis von Menschen, die ein bisschen einzahlen, nicht weil sie arm sind, sondern weil sie nicht allein fallen wollen. Eine Art Sparsäckli der Nachbarschaft. Wenn der Schock kommt – und er kommt immer –, liegt ein stiller Kredit bereit. Nicht vom Staat, nicht vom Wucherer. Von jemandem, der weiß, wie’s ist, wenn der Zahn plötzlich bricht und man merkt, dass Angst schwerer wird, wenn man sie allein trägt.

In einer solchen Gemeinschaft wäre die Scham nicht das Hindernis, sondern der Kompass: nicht Scham über Armut, sondern Scham darüber, die Gemeinschaft durch unnötige Verschwendung zu strapazieren. Ein stilles Einverständnis. Eine leise Moral. Ganz unspektakulär.

Vielleicht ist das gar nicht revolutionär. Vielleicht ist es nur vernünftig. Und vernünftig, das ist manchmal das Radikalste, was man tun kann.

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